TTM Traditionelle Tibetische Medizin
SA CHE - "The Mirror" Interview mit Dr. Nida Chenagtsang
Einführung"The Mirror" Interview mit Dr. Nida






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TIBETISCHE GEOMANTIE ODER SA CHE
Interview mit Dr. Nida Chenagtsang
von Liz Granger für "The Mirror"
Merigar 18.05.2002


Dr. Nida Chenagtsang, 1971 in Amdo geboren, hat am Lhasa Tibetan Medical College studiert und dann in Lhasa und Tsetang praktiziert. Er arbeitete als Arzt für eine nicht-staatliche Organisation (NGO) in Tibet und unterhielt vier Jahre lang eine private Praxis. Er unterrichtet Tibetische Ku Nye Massage, Kräuterkunde und Pflanzenmedizin(Phytotherapie), worüber er zahlreiche Artikel verfasst hat. Seit 4 Jahren arbeitet er in Italien mit dem Shang Shung Institut (Istituto Shang Shung) zusammen und gab zahlreiche Kurse in Ku Nye, Sa Che und Mantraheilen sowohl in Italien als auch in anderen Ländern. [Im Jahre 2006 gründet er die International Academy for Traditional Tibetan Medicine mit Sitz in London. Diese verfügt über viele nationale Zweigorganisationen.]

The Mirror:  
Die tibetische Kunst der Geomantie ist im Westen wenig bekannt. Könnten Sie einige der grundlegenden Merkmale dieser alten Tradition kurz darstellen?
Dr. Nida:
Tibetische Geomantie heißt Sa Che: "sa" bedeutet Erde, "che" bedeutet analysieren oder interpretieren. Sa Che beschäftigt sich mit Interpretation oder Analyse der Erde. Wir reden über die Analyse der Erde, da Erde eines der wichtigsten Elemente ist mit dem wir tagtäglich in Kontakt sind. Wir leben auf der Erde, die als Basis oder Wurzel unserer Existenz gesehen werden kann, weshalb es das wichtigste Element ist, das untersucht wird.
Obwohl für das Studium der Tibetischen Geomantie der gebräuchliche Ausdruck "Sa Che" verwendet wird, ist der volle Name "Sa chu shin gi che pa", was Analyse der Erde (sa), des Wassers (chu) und des Holzes (shing) bedeutet, obwohl es sich eigentlich auf 5 Elemente bezieht: Erde (sa), Wasser (chu), Feuer (me), Wind (lung) und Raum (namkha). So basiert das Grundprinzip der Geomantie auf diesen 5 Elementen.

The Mirror:
Gibt es verschiedene Traditionen innerhalb von Sa Che?
Dr. Nida:
Es gibt 2  Systeme innerhalb von Sa Che:  zum einen den Stil des Tibetisch-Buddhistischen Tantrismus und zum anderen den astrologischen. Im tantrischen System richtet Sa Che sich auf das Prinzip des Mandalas aus, welches aus  einem Zentrum mit 4 Richtungen besteht, die gemeinsam 5 Punkte ergeben. In diesem Fall betrachten wir das Mandala als Grundlage  allen Gleichgewichts: das Rechte sollte mit dem Linken im Gleichgewicht sein, die Vorderseite mit der Rückseite, Norden mit Süden und Osten mit Westen. Unabhängig von der Form des Mandalas, sei es ein Quadrat, Kreis oder Dreieck, sollte das Gleichgewicht zwischen den 5 Punkten immer vorhanden sein. Das gleiche Prinzip dieses Gleichgewichts sollte sowohl in unserem Zuhause, unserer Umgebung als auch in unserem Körper und Geist bestehen.
Im astrologischen System des Sa Che benutzen wir die 5 astrologischen Elemente: sa (Erde), chu (Wasser), me (Feuer), shing (Holz) und cag (Metall) um ein Horoskop zu erstellen, das auf Elementen des Jahres, des Monats, des Tages und der Stunde basiert. Das Lebenselement der Person wird in Bezug auf die Elemente, die im Haus und der Umgebung vorhanden sind, berücksichtigt. Es gibt 4 verschiedene Beziehungen, die zwischen den Elementen vorhanden sein können: Mutter-Sohn, Sohn-Mutter, Freund-Feind und Feind-Freund. Die Idee ist, Gleichgewicht und Harmonie zwischen den Elementen herzustellen.

The Mirror:
Gibt es eine besondere Beziehung zwischen Tibetischer Medizin und Sa Che?
Dr. Nida:
Es gibt eine sehr enge Verbindung zwischen Medizin und Geomantie aufgrund ihrer gemeinsamen tantrischen und astrologischen Aspekte. Das grundlegende Prinzip der Tibetschen Medizin ist das des Gleichgewichts und durch das Studium von Sa Che können wir viele äußere Einflüsse untersuchen, denen wir in unserem Zuhause und unserer Umgebung ausgesetzt sind. Um das Zuhause und die Umgebung zu untersuchen und das damit verbundene Gleichgewicht zwischen dem Individuum und seiner Umwelt herzustellen, bedient sich die Tibetische Medizin der Wissenschaft des Sa Che.
Diese Art der Untersuchung kann sehr nützlich sein um die Ursache einer Krankheit zu finden, die eng in Verbindung mit dem Zustand des Hauses stehen kann, z.B. kann Arthritis damit zusammenhängen, dass das Haus zu viel kalte nasse Energie aufnimmt.

The Mirror:
Im Westen betrachtet man die chinesische Kunst des Feng Shui als "Vater" der geomantischen Tradition. Gibt es eine Verbindung zwischen tibetischem Sa Che und Feng Shui?
Dr. Nida:
Manche denken, dass Sa Che und Feng Sui dasselbe wären, aber ich glaube wirklich, dass sie sich sehr unterscheiden. Sa Che hat seine Wurzeln in der schamanischen Bön-Tradition Tibets und uns stehen sogar heute noch einige Bön-Texte über Geomantie zur Verfügung. Obwohl im 8. Jahrhundert eine Welle chinesischer Einflüsse Tibet erreichte, die auch Auswirkungen auf das tibetische  astrologische System hatte, gab es schon lange vor dieser Zeit einige in Tibetisch verfasste Sa Che-Texte, die ihre Herkunft in der ursprünglichen Bön-Tradition hatten. Als Beweis dafür dient die Tatsache, dass die frühen tibetischen Könige ihre Paläste streng nach den Vorschriften der Tibetischen Geomantie bauten, wie z.B. der Yumbu Lagang Palast des Königs Natri Zanpo aus Lhoka, der vor über 2000 Jahren gebaut wurde.
Eines des typischsten Beispiele des Einflusses von Sa Che auf die Architektur ist das berühmte, im 8 Jh. erbaute Kloster Samye, welches unter der Aufsicht des Meisters Padmasambhava in Form eines 3-dimensionalen Mandalas erbaut wurde, welches den Richtlinien des tibetisch-tantrischen Sa Che folgte. Ich glaube, dass gerade dieser tantrische Aspekt der tibetischen Geomantie, der eine Besonderheit des tibetischen Sa Che ist, sich ganz und gar vom chinesischen System des Feng Shui unterscheidet.
Respekt und Achtung der Natur und der Naturgeister waren Teil der frühen schamanischen Tradition Tibets. Das beeinflusste den Lebensstil und das Verhalten der Menschen gegenüber ihrer Umwelt und schaffte Achtung für Bäume, Flüsse, Berge usw. Wenn sich Unglücke ereigneten, wurde gewöhnlich Mangel an Respekt oder unangemessenes Verhaltens gegenüber der Umwelt als Ursache dafür angesehen. Das gleiche Prinzip der Achtung der Natur und Arbeit mit Energien ist in das System des Sa Che übertragen worden. Es ist die Fortsetzung dieses Prinzips, dass uns dazu bewegt zu glauben, dass die Wurzeln des Sa Che im frühen schamanischen System liegt.
Wir können immer noch frühe Bön Texte und spätere von Yeshe Tsogyal, Namkhai Nyingpo und Machig Labdron, die viele Bücher über Sa Che verfassten, finden. Bis heute haben wir ungefähr 12-15 Texte über Geomantie.

The Mirror:
Gibt es bemerkenswerte Unterschiede zwischen Sa Che und Feng Shui?
Dr. Nida:
Das Studium des Sa Che ist in der schamanischen Bön-Philosophie Tibets verwurzelt und stark verbunden mit der Tantrischen Lehre, tief beeinflusst von buddhistischer Tradition. Feng Shui dagegen hat eine Verbindung zum Taoismus.
Eine der hauptsächlichen Unterschiede zwischen ihnen ist die Herangehensweise, die Energien eines Hauses oder Ortes zu analysieren und ins Gleichgewicht zu bringen.
Wenn der „Sa Ken“ (die Person, die die Analyse ausführt) ein Haus besucht, wird er als erstes eine Analyse der Umgebung, „tag“ genannt, gefolgt von zwei Ritualen, „lhang“ genannt, durchführen, um die Erlaubnis der Erdgeister und der „jang“ zu erbitten und alle negativen Energien zu beseitigen. Besonders der Gebrauch symbolischer Objekte zum Abblocken negativer oder zur Vermehrung positiver Energien ist ein wesentlicher Unterschied im Sa Che. Das Prinzip der Energien einiger der Himmelsrichtungen ist ebenso unterschiedlich. Natürlich gibt es auch Ähnlichkeiten, doch denke ich persönlich, dass die Herkunft von Sa Che sich von der des Feng Shui ziemlich unterscheidet.
Eines der Probleme mit Feng Shui ist, dass es hunderte von Schulen gibt, deren Meister alle ein eigenes System kreieren, was gefährlich für die ursprüngliche, reine Tradition ist. Sa Che ist nicht sehr weit verbreitet und bis heute ist es eine heilige Lehre wie das Tantra, das nicht häufig in der Öffentlichkeit gelehrt wird. Ich denke, dass dies ein positiver Aspekt ist, da es dadurch vor Verfälschung wie im Fall von Feng Shui bewahrt wird.

The Mirror:
Wie tritt man an eine Analyse eines Ortes der Tibetischen Geomantie entsprechend heran? Und wie können negative Energien korrigiert werden?
Dr. Nida:
Der Prozess der Analyse und Heilung ist ähnlich der Herangehensweise in der Tibetischen Medizin. Als erstes führt der Arzt eine sorgfältige, eingehende Untersuchung aller äußeren Merkmale des Körpers des Patienten durch. Dann untersucht er die inneren Organe durch Pulsdiagnose usw.
Auf die gleiche Art und Weise untersucht der Sa Ken gründlich die Umgebung des Gebäudes und der betroffenen Person. Nach Abschluss der Analyse betritt er das Gebäude und fährt mit seiner Deutung fort.
Die Untersuchung der Umgebung schließt die Analyse von Himmel, Raum, Bergen, Gewässern, Bäumen, Felsen, der umgebenden Gebäude, Straßen, Felder und Gärten ein. Ihre Energie, Lage, Form und Farbe werden alle in Betracht gezogen. Die Bezeichnung der Gegend, die Namen der Berge, Flüsse, Hügel werden auch eingeschätzt, da es als positiv erachtet wird einen Glück verheißenden Namen zu haben, aufgrund der Annahme, dass der Name seine Energie aus dem Klang bezieht.
Ein interessantes Beispiel dafür ist eine Begebenheit, die sich im 17. Jhd. zutrug als Terdag Lingpa beschloss das Mindroling Kloster bei Tharpa Ling, dem „Land der Freiheit“, zu erbauen, da der Name sehr glückverheißend war.
Der Tradition entsprechend verbrennen wir besondere Kräuter vor der Haustür um Rauch zu erzeugen und zu sehen in welcher Richtung er sich ausbreitet. Dies wird als „Überprüfung des Rauchs“ (duwa tagpa) bezeichnet. Danach betreten wir das Haus und überprüfen die Anordnung der Räume, in welcher Himmelsrichtung diese ausgerichtet sind, die Einrichtung, Farbe und Form der Räume, Alter und Geschlecht der Bewohner der entsprechenden Räume. Dies bildet den Abschluss der Analyse, tag genannt.
Wenn der Sa Ken es mit einem Areal zu tun hat, wo Menschen ein Haus erbauen möchten, führt er nach Beendigung des tag des Gebiets ein lhang -Ritual durch, um die Erlaubnis der lokalen Wächter zu erbitten, das Haus errichten zu dürfen. Sollte das Haus schon gebaut worden sein, wird das lhang -Ritual durchgeführt um eine Verbindung mit den lokalen Wächter herzustellen oder sich zu entschuldigen, falls die Errichtung des Hauses eine Provokation darstellt.
Wenn alles in Ordnung ist, ok, falls nicht, versucht der Sa Ken die so genannten „Schwarzen Punkte“ oder negativen Energien (sa dra, Feind der Erde) zu entdecken.
Ist z. B. die Lage des Hauses oder die Anordnung der Räume inkorrekt, wird er die negativen Punkte suchen und wenn möglich beseitigen. Ist dies nicht möglich, wird er sich anderer Objekte bedienen um die negative Energie abzublocken.

The Mirror:
Wenn Sie über das Abblocken negativer Energien sprechen – welche Objekte können zum Einsatz kommen?
Dr. Nida:
Viele Arten von Objekten: astrologische und tantrische Objekte wie Abbilder des Kalachakra-Mantras (namcu wang dan), der Schildkröte des Universums (kunthup khorlo), der Vase (bumpa) oder auch Symbole, Zeichnungen, Pflanzen, Blumen, Steine, Mantras, Schildkrötenpanzer, ein melong (Spiegel), eine Pfauenfeder, ein Kristall, Muscheln und andere Dinge um generell alle Arten negativer Energie zu blocken.
Die Arbeit des Sa Ken ist es jedoch nicht nur negative Energien zu blocken, sondern auch die positiven zu steigern. Wenn man z. B. finanziellen Erfolg wünscht, kann man sein Büro mit symbolischen Bildern wie dem des Zambala (die Gottheit des Wohlstands), drei oder sechs Juwelen, gelben oder goldenen Bildern, goldenen Fischen usw. ausstatten. Für gute Familienverhältnisse können wir Bilder des Unendlichen Knotens benutzen oder der sechs Tiere, in denen antagonistische Tiere zu einer einzelnen Form mit dem Kopf des einen Tieres und dem Körper eines anderen (mi tun tunjor) kombiniert werden.

The Mirror:
Die Kunst der Geomantie, wie sie sich in Tibet entwickelt hat, muss mehr auf das ländliche Leben zugeschnitten sein, da ein großer Teil der Bevölkerung auf dem Land lebt.
Dr. Nida:
Das ist richtig. Tatsächlich befragte ich meinen eigenen Lehrer (Jamyang Gyatso aus Amdo) darüber, da es in Tibet nur wenige Städte wie Lhasa oder Shigatse gibt, obwohl diese sich sehr von europäischen Städten unterscheiden.
Ich fragte ihn wie die Prinzipien der Geomantie angewandt werden könnten, wenn man hohe Gebäude und andere im Westen übliche Elemente in Betracht zieht. Er antwortete mir, ich sollte die Gebäude so analysieren als wären sie Berge, einschließlich ihrer Farbe, Lage, Form, der Richtung in der sie sich befinden usw.
Dann sagte er, dass wir innerhalb des Gebäudes die grundlegende Tradition des Prinzips der 5 Elemente und der 4 Richtungen beibehalten sollten mit der wir mehr Details erschließen können. Obwohl wir im Westen üblicherweise mehr Objekte, mehr Mobiliar im Haus haben, können wir diese mit den 5 Elementen analysieren, unter Bezugnahme der Farben und Formen der Objekte und der sich gegenseitig bedingenden Funktion der 5 Elemente.


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